Siem Reap

26.11. bis 06.12.

Nun also erneut Siem Reap. Zurück an dem Ort, in den wir uns ein wenig schockverliebt hatten. Nach der Drüsenfieber-Diagnose und der zusätzlich bevorstehenden antibiotischen Behandlung hatten wir die zweitgrößte Stadt Kambodschas in der Nähe des Tonle Sap auserkoren, um hier bestmöglich regenerieren zu können. Siem Reap sollte für Neele den besten Mix aus Ruhe und Entspannung und für Flynn ein Hotel mit Pool und die Möglichkeit für angenehme kleine Spaziergänge bieten. In Phnom Penh waren diese Parameter leider nicht so gut gegeben. Hier war es sehr laut und dreckig, und für kleine Aktivitäten musste man dann direkt ein Tuk Tuk nehmen. Dann doch lieber dahin zurück, wo wir bereits wussten, was uns erwartet: nach Siem Reap!

Kleiner Wermutstropfen beim Verlassen von Kambodschas Hauptstadt: Phnom Penh würde in den kommenden drei Tagen Schauplatz eines großen Nationalfeiertags, des sogenannten „Wasserfests“, in der Landessprache ‚Bon Num Tuk‘ genannt, werden. Die Kambodschaner feiern hier ihre wichtigste Lebensressource und die Grundlage der wichtigsten Nahrungsmittel des Landes (Reis und Fisch) – das Wasser aus dem Tonle Sap, welches der Schneeschmelze im Himalaya in den Mekong zu verdanken ist (die Besonderheit des Gewässers wurde bereits im Blog-Eintrag „Siem Reap 26.10. bis 04.11.“ genauer beschrieben). Mit dem Wasserfest wird das Ende der fünfmonatigen Regenzeit gefeiert, welche den Richtungswechsel der Fließrichtung des Tonle Sap einläutet, der sein Wasser nun dem Mekong „zurückgibt“. Außerdem wird beim Wasserfest der Beginn der Fischersaison gefeiert und die Flussgeister „milde gestimmt“. Es ist das Äquivalent zu einer Art Frühlings- oder Neujahrsfest und die Kambodschaner wollen dem Mekong mit dem Fest etwas zurückgeben, was ihnen ihr Leben durch Nahrung sichert. Kinder bekommen schulfrei, die Geschäfte bleiben geschlossen. Und in der ganzen Stadt herrscht unglaublich ausgelassene Feierstimmung. Beendet werden die Feierlichkeiten am letzten Abend mit dem Langbootrennen, bei welchem prunkvoll geschmückte Boote den Mekong bis zur Einmündungsstelle des Tonle Sap in der Nähe des Königspalasts entlang fahren. Nach dem Rennen gibt es außerdem noch ein großes Feuerwerk. Da für Neele in ihrem Zustand an feiern aber eh nicht zu denken war, fuhren wir guten Gewissens mit dem Bus Richtung Siem Reap.

Nach der uns mittlerweile quasi auswendig bekannten knapp siebenstündigen Fahrt wurde uns allerdings bei der Einfahrt in Siem Reap klar, dass sich die Feierlichkeiten des Wasserfests nicht nur auf die Hauptstadt konzentrierten. Im Bus fühlte man sich kurzzeitig wie ein Fußballprofi auf dem Weg zum Stadion kurz vorm WM-Finale, wenn einem die Fans außerhalb des Busses nochmal ordentlich Feuer unterm Hintern machen. Das Stadtbild von Siem Reap glich ungefähr dem von Berlin am 1. Mai. Vielleicht mit etwas weniger Techno und etwas weniger offenem Drogenkonsum, dafür aber mindestens genauso ausgelassen. Die Bürgersteige waren übersäht mit Ständen (Essen, Getränke, Kleidung, Souvenirs uvm.), da die Inhaber in diesen drei Tagen vermutlich regelmäßig mit Rekordeinnahmen rechnen können. Die Menschenmassen bewegten sich kreuz und quer durch die Stadt, erfreuten sich an kühlendem Wasser aus Wasserwerfern und tanzten vergnügt bis zum Morgengrauen.

Die Leute bekommen hier mehr Wasserwerfer ab als bei einer Demo in Berlin
Und tanzen, als gäbe es keinen Morgen!
Und auch in der Pub Street war die Hölle los (was hier aber fast jeden Abend so ist)

An sich ein wunderschöner Anlass, um mitzufeiern und mit einzutauchen ins kambodschanische Nachtleben. Aber wir hatten ja schließlich ganz andere Sorgen und fuhren daher umgehend ins „Rabbit Hole Hotel“, welches sich auf den ersten Eindruck auch als sehr passend und komfortabel für die kommenden zwei Wochen anfühlte. Es wirkte so, als würden wir hier gut entspannen und vor allem Neele sich gut erholen können. Flynn ging abends bei einem kleinen Spaziergang kurz zu den Festlichkeiten, um nochmal einen Eindruck von der beeindruckenden Stimmung zu bekommen. Danach fielen wir beide ins Bett.

Die kommenden Tage in Siem Reap waren selbsterklärend bei weitem nicht so ereignisreich wie unser erster Aufenthalt. Neeles Symptomatik (große Schwierigkeiten bei der Atmung, generelle Schwächung, Müdigkeit, Schwindel und bei kleinsten Anstrengungen auch Herzrasen) zwang sie mehr oder weniger dazu, die Tage in der Hotelanlage zu verbringen und wenn überhaupt mal hinunter an den Pool zu gehen. So war es zwar im Vorhinein auch gedacht, mit der optimistischen Aussicht auf eine mögliche Besserung ihres Zustandes durch die viele Ruhe und die Einnahme der Antibiotika… Trotzdem war es dann in der Umsetzung teilweise doch schwierig, was nicht zuletzt auch daran lag, dass unser Hotel – abgesehen vom wirklich schönen Pool – doch nicht so schön und erholsam war wie erhofft. Das Personal sprach kaum Englisch und war noch dazu teilweise sehr unfreundlich. Darüber hinaus war das WLAN katastrophal schlecht. Bedenkt man nun einerseits den etwas höheren Preis im Vergleich zu anderen Hotels in Siem Reap und daneben den Umstand, dass ein gutes WLAN aufgrund der vielen Zeit im Hotelzimmer sehr gut gewesen wäre, war das dann schon eher etwas belastend auf Dauer…

Wir versuchten trotzdem weiter positiv zu bleiben und das Beste draus zu machen. Wir spielten weiterhin viel UNO auf dem Handy oder vertrieben uns die Zeit mit Filmen und Podcasts. Flynn konnte Neele dabei zum ersten Mal „Der Herr der Ringe“ zeigen, der Neele zu Flynns großer Überraschung und Freude sehr gut gefiel. Auch in ihr steckt also ein kleiner Nerd. Perfekt! Traumfrau eben! Wir quatschten natürlich auch viel über Gott und die Welt (ob im Zimmer oder am Pool), aber selbst das wurde auf Dauer oft auch anstrengend für Neele und sie brauchte immer mal wieder Pausen im Bett.

Flynn versuchte, so viel wie möglich für sie da zu sein und zu unterstützen. Allerdings musste er auch ab und zu mal das Hotel verlassen für kleinere Ausflüge zum 7-Eleven, für eine Runde joggen (was ihn bei der Hitze und dem derzeitigen Fitnesszustand im Übrigen mehr zum Schwitzen brachte als Olaf Scholz Fragen zu „Cum-Ex-Skandal“), für einen Besuch in der Sports Bar in der Pub Street, um seinem Wundertüten-BVB bei Sieg oder Niederlage zuzuschauen (was sich in dieser Saison schwieriger vorhersagen lässt als das Wetter in Deutschland im April) und sich dabei doch einmal sehr unerwartet zu betrinken und erst um 3 Uhr leicht torkelnd nach Hause zu kommen, für etwaige kleine Spaziergänge durch den auch beim zweiten Besuch wunderschönen Ort (beispielsweise zur Bank, um das Malheur mit der verschusselten Kredit-Karte zu beheben, worum sich dann aber nur in Phnom Penh gekümmert werden konnte) oder um Essen von unseren Lieblingsständen zu besorgen. Allen voran unendlich viele Banana-Pancakes mit Nutella für Neele, die ihr noch am ehesten ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnten und durch welche die Stände irgendwann von selbst zu braten begannen, sobald sie Flynn aus der Ferne ankommen sahen. Immer gepaart mit den Worten: „Aaah, two pancakes for your girlfirend again?“. Die meiste Zeit war er dann aber doch bei Neele im Hotel, da alles Genannte alleine nicht annähernd so schön war wie zu zweit… An vereinzelten Tagen konnte Neele genügend Kraft aufbringen, um zumindest ein paar Meter mit zum Old Market zu laufen oder in der Bar gegenüber eine kleine Runde Billard zu spielen.

Nachdem mehr als eine Woche vergangen und das Antibiotikum komplett verbraucht war, gab es zu unserer großen Ernüchterung weiterhin überhaupt keine spürbaren positiven Veränderungen bei Neeles gesundheitlichem Zustand. Weder die Atemnot noch der Schwindel oder die allgemeine Schlappheit machten einen merklichen Schritt nach vorne. Allmählich wich dem anfänglichen Optimismus mehr und mehr eine Art Hilf- und Ratlosigkeit. Wir beide spürten immer mehr, dass wir vermutlich demnächst ernsthaft darüber nachdenken sollten, die Reise zu diesem Zeitpunkt besser abzubrechen, da die Zuversicht auf eine Besserung hier vor Ort nicht mehr wirklich gegeben war und Neele endlich eine vernünftige und professionelle medizinische Versorgung benötigen würde, um mögliche Risiken einer Nicht-Behandlung zu umgehen, die bei Epstein-Barr-Virus, oder was auch immer sich da in Neeles Körper gegen sie verschwor – eine weiterere Möglichkeit war laut Dr. Lucy „Post bzw. Long Covid, sehr unangenehme und langzeitige Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Da Neele bereits 2016 schon einmal Drüsenfieber durchleiden musste, wusste sie von damals, dass sie in Berlin in einer Reha-Klinik untergekommen und dort am besten aufgehoben war, um bestmöglich zu regenerieren. Da solch eine Art von Versorgung in einem Entwicklungsland wie Kambodscha und auch in den anderen Süd-Ost-Asiatischen Ländern sehr unwahrscheinlich ist, beschlossen wir also, ein letztes Mal nach Phnom Penh zurückzureisen, um dort ein finales Gespräch mit unserer lokal behandelnden und unglaublich hilfreichen Dr. Lucy zu führen. Wir wollten auch sie noch einmal um Rat fragen und herausfinden, ob sie nicht möglicherweise doch noch eine allerletzte Idee haben könnte. Hatte sie leider nicht… Einhundert prozentig sicher war sie sich nicht mit dem Drüsenfieber, Long Covid könne es genau so gut sein. So oder so sei aber eine Fortsetzung der Reise nicht mehr wirklich vernünftig.

Mit dem Gedanken des Reiseabbruchs mussten wir uns also immer mehr abfinden, auch wenn dieser uns unglaublich traurig machte und für viele Tränen sorgte… Das konnte doch alles nicht wirklich wahr sein…? Müssten wir jetzt ernsthaft unsere Reise abbrechen? Zurück nach Deutschland reisen? Wo wir doch noch so viel vorhatten hier… Uns so auf alles gefreut hatten… Endlich unseren Lebenstraum, ein halbes Jahr im Ausland zu verbringen, verwirklichen konnten… Und jetzt das…??? Es fühlte sich einfach nur unfair an… Aber es schien die beste und einzig richtige Lösung zu sein. Gesundheit geht bekanntlich immer vor. Und Neeles Zustand erforderte dringend endlich einen guten Arzt, eine gute Klinik und eine gute Behandlung. So wie jetzt wäre es einfach fahrlässig, weiter abzuwarten und zu hoffen, dass sich alles von selbst irgendwann bessern würde…

Am letzten Tag unseres Aufenthalts in Siem Reap kam uns dennoch eine schöne Idee, wie wir uns auf ewig an unsere Reise nach Kambodscha erinnern und dabei immer an die guten, erfreulichen, lustigen, schönen und unvergesslichen Abschnitte und Erlebnisse der Reise denken würden, die wir ja trotz allem in großer Menge gemeinsam hatten. Während Neele bereits Erfahrung mit unserer Idee hatte, sollte es für Flynn das erste Mal sein, dass er so etwas machen würde… Aber seht selbst!

Und so ging es ein wenig früher als geplant und mit einer lebenslangen Erinnerung an unsere Zeit in Kambodscha auf unseren Armen bereits nach zehn Tagen wieder zurück nach Phnom Penh. In dem Wissen, dass sich unsere Tage in Süd-Ost-Asien womöglich gezwungenermaßen so langsam dem Ende neigen würden. Ein Versprechen machten wir uns aber trotzdem: Dass wir definitiv wieder herkommen würden.. ins wunderschöne Siem Reap!