Phnom Penh
18.11. bis 26.11.
Nachdem wir bereits zu Flynns Bachelor-Verteidigung in Kambodschas Hauptstadt waren, ging es nun also zum zweiten Mal nach Phnom Penh. Diesmal allerdings mit einem etwas weniger schönen Anlass. Nach der relativ fixen Busfahrt aus Sihanoukville waren wir rund vier Stunden später angekommen. Da uns die „M Residence“ beim letzten Aufenthalt bekanntlich nicht in bester Erinnerung geblieben war, wollten wir diesmal eine etwas günstigere Unterkunft buchen, die im Idealfall in der Nähe des „Royal Hospitals“ (wo wir dachten, die nächsten Tage hauptsächlich zu verbringen) liegt, um uns lange Wege zu ersparen. Somit fiel unsere Wahl auf das „Joli Hotel“, bei welchem Flynn im Vorfeld der Ankunft über die Rezeption noch eine kleine Überraschung für Neele im Zimmer arrangierte in der Hoffnung, sie damit ein wenig aufheitern und den (Schwieger)-Eltern mit einem Foto einen kleinen Schrecken einjagen zu können. Beides klappte mit Erfolg!






Nachdem wir unsere Sachen abgelegt und es uns ein wenig heimisch gemacht hatten, ging es noch am gleichen Abend weiter zum besagten Royal Hospital, dem laut Aussagen vieler Einheimischer besten Krankenhaus in Kambodscha, welches allerdings auch sehr teuer sein sollte. Dort bekam Neele, nachdem wir in einer mehr als sperrigen Unterhaltung mit der Empfangsdame der Klinik gesagt bekamen, dass zu dieser späten Stunde nur noch die Notfall-Ambulanz vor Ort und eine Untersuchung dadurch teurer als sonst sei, ein Bett auf der (sehr leeren) Intensivstation zugewiesen und unterzog sich dort erneut einigen Tests. Also mal wieder: Ärmel hoch, Stauschlauch zum Finden der Vene anlegen, und dann in bester „Lieblingshobby von Junkies am Kotti“-Manier: Rein mit der Nadel in den Arm. Der Bluttest war hierbei frustrierenderweise erneut unauffällig. Und auch das EKG ergab keine neuen Erkenntnisse. Uns wurde lediglich angeboten, am kommenden Tag einen Termin beim Kardiologen zu bekommen. Die Rechnung über 350€ hatte es gemessen am mäßigen Erfolg ganz schön in sich, zumal sich die Ärztin kaum Zeit für uns nahm und wir uns dort deswegen nicht gut aufgehoben gefühlt haben. Wir wollten es daher lieber bei der deutschen Ärztin versuchen, die leider ein wenig vom Hotel entfernt ihren Sitz hatte.


Da der kommende Tag ein Sonntag war, machten wir aus ihm lieber einen kompletten Ruhetag. Während Flynn ein wenig die Gegend nach Supermärkten und Restaurants erkundete (die in diesem Viertel tatsächlich sehr rar gesät waren), blieb Neele leider wie immer in dieser Zeit gezwungenermaßen im Bett liegen und ruhte sich aus. Am nächsten Tag konnten wir dann endlich zur deutschen Ärztin, Frau Dr. Lucy Haurisa, kurz „Dr. Lucy“, die in der „Raffles Klinik“ einmal quer durch die Stadt praktiziert. Diese machte direkt beim ersten Sehen einen mehr als sympathischen Eindruck und nahm sich sehr viel Zeit für uns beide. Etwas, das uns beiden sehr neu war, da man aus Deutschland leider eher eine fließbandartige 5-Minuten-Abhandlung wie bei einem McDonald’s Drive-In gewohnt ist, bei welchem der Arzt oder die Ärztin einen nach zwei Stunden Warten mit den Worten „ruhen sie sich aus und trinken sie Tee“ wieder nach Hause schicken.
Neben einem erneuten Bluttest, der allmählich zu Neeles neuer Dauerbeschäftigung avancierte, unternahm Dr. Lucy bei Neele in den kommenden Tagen unter anderem Tests wie eine Urin- und eine Stuhlprobe, einen bakteriellen Rachenabstrich sowie ein Ultraschall. Darüber hinaus nahm sie sich wie bereits erwähnt sehr viel Zeit für uns und klärte in aller Ausführlichkeit alle Symptome von Neele mit uns ab. Man hatte hier direkt ein viel besseres Gefühl und den Eindruck, dass diese Frau uns wirklich helfen will bei der Suche nach einer Antwort auf Neeles immer noch unveränderten Zustand. Da wir für weitere Tests und die Besprechung der Ergebnisse in den kommenden Tagen eigentlich täglich in der Raffles Klinik waren, war dies somit auch der Hauptbestandteil unseres Tagesinhaltes. Abgesehen davon entspannten wir im Hotel, ob mit „UNO“-Spielen gegeneinander auf dem Handy, einheimischem Programm auf dem Hotelzimmer-Fernseher, diversen Mahlzeiten (unter anderem einem schnell zum Lieblingsrestaurant gewordenen Pasta-Laden), Reiseblog-Einheiten oder dem Hören der neusten Folge von „Gemischtes Hack“.






Nach einigen Tagen des Wartens und der Ungewissheit, was die Untersuchungen im Labor ergeben würden, eröffnete uns Dr. Lucy dann per Mail am 21. November die ernüchternde Diagnose, während wir in einer anderen Klinik gerade ein Lungenröntgen für Neele machen ließen: Epstein-Barr-Virus. Pfeiffersches Drüsenfieber also. Neele hatte diesen Mist 2016 schon einmal. Die Krankheit ist zwar als Begriff geläufig. Viele wissen jedoch nicht, wie unangenehm, wie ernst und vor allem wie langatmig diese Erkrankung sein kann. Neele befand sich damals deswegen zwei Wochen im Krankenhaus und hatte noch Wochen später mit den Symptomen und Folgen zu kämpfen. Und jetzt also wieder… Das konnte doch alles nicht wahr sein. Neele war – verständlicherweise – erstmal untröstlich. Erinnerungen an damals kamen hoch. Das würde uns jetzt natürlich einen gewaltigen Strich durch unsere Reiseplanung machen. Auch wenn die Infektion beim zweiten Mal laut Recherche nicht ganz so schlimm sein soll. Grund zur Sorge gab es allemal. Es schien die eindeutige Antwort auf Neeles gesundheitlichen Zustand zu sein. Und würde bedeuten, dass uns das jetzt für unbestimmte Zeit erstmal begleiten und stark einschränken würde, vor allem Neele. Aber woher? Wieso jetzt? Wieso hier??? Von diesem Schock mussten wir uns erst einmal erholen. Wir fuhren daher zurück ins Hotel und wollten dann in den kommenden Tagen alles Weitere mit Dr. Lucy besprechen.
Dem ersten Schock folgte ein gemeinsam eingeredeter und versuchter Optimismus. Immerhin wussten wir ja jetzt, was los ist. Auch wenn das Pfeiffersche Drüsenfieber noch nicht wirklich Neeles Atembeschwerden erklärte. Als wir erneut in der Raffles Klinik aufschlugen, eröffnete uns Dr. Lucy außerdem noch, dass bei Neele im Urin einige Keime nachgewiesen wurden und diese ihr Immunsystem zusätzlich zum Epstein-Barr-Virus schwächen und somit eventuell die starken Symptome erklären könnten. Ein kleiner Hoffnungsschimmer tat sich auf. Neele bekam erneut ein Antibiotikum zur Bekämpfung der diesmal (anders als in Sihanoukville, wo die Ärzte eher das medizinische Know-How eines Corona-Leugners hatten) eindeutig festgestellten Bakterien und zusätzlich Vitamine und Omega-3 (beides in hohen Mengen hilfreich bei Drüsenfieber) verschrieben. Damit fuhren wir heim und hofften auf eine Besserung in den kommenden Tagen. Zu Hause schließlich heulten wir uns mithilfe der wunderschönen Filme „Marley und Ich“ sowie „Cast Away“ einmal ordentlich aus, was tatsächlich eine etwas befreiende Wirkung hatte.



Zu allem Überfluss machte Flynn seinem (von ihm stets, jedoch bis heute nicht komplett erfolgreich bekämpften) Image als „Peilo“ mal wieder alle Ehre. Wenngleich sich die Verpeiltheit im Laufe der Jahre stark gebessert hat und er in vielerlei Hinsicht ein eigenständiger und verantwortungsvoller junger Mann ist: Es musste dann doch wieder mal eine Kreditkarte im ATM vergessen werden… Flynn war draußen unterwegs, um frische Melonen bei einer jungen Kambodschanerin an einem Stand ein paar Straßen weiter zu kaufen. Während er das Geld abhob, rief sie ihm von der anderen Straßenseite aus zu, dass die Melonen fertig seien. Flynn spurtete daraufhin mit dem Geld in der Hand zu ihr, um zu bezahlen. Leider ohne die Karte. Na super… Auch das noch… Manchmal kann man da echt nur mit dem Kopf schütteln. Während Neele das Ganze eher ein wenig amüsiert zur Kenntnis nahm („die Melonenfrau muss ganz schön heiß sein, dass man die Karte vergisst“) und wusste, dass man die Karte ja ohne Weiteres sperren kann und somit alles gar nicht so schlimm sei, war Flynn dann doch sehr angefressen von seiner erfolgreich bekämpft geglaubten Schusseligkeit in manchen Momenten. Die „Canadia Bank“, zu welcher der ATM gehörte, versicherte uns jedoch, dass alle Automaten regelmäßig geleert und somit eine spätere Rückholung der Karte kein Problem sei. Blöd nur, dass wir am kommenden Tag weiter reisen wollten…
Denn Neele und Flynn beschlossen, zur Regeneration des Epstein-Barr-Virus sowie zur antibiotischen Behandlung zurück nach Siem Reap zu fahren, da es ihnen hier so gut gefiel und beide das Gefühl hatten, dass es sich dort am besten auskurieren lassen würde. Wir besprachen mit Dr. Lucy vor der Abreise unser Vorhaben und vereinbarten, dass wir zwei Wochen später für Nachuntersuchungen und zur Sicherstellung der erfolgreichen Behandlung wieder zurück nach Phnom Penh reisen würden. Die Stadt fiel im Übrigen beim zweiten Besuch gar nicht so negativ, voll und überladen wie beim ersten Mal auf. Die täglichen Fahrten mit den Tuk Tuk zur Klinik boten einige spannende und sogar schöne Anblicke und auch das Hotel war überaus freundlich und schön. Ruhige Lage eher abseits des Zentrums. Ein super leckeres Restaurant direkt nebenan. Hier ließ es sich – den Umständen entsprechend – wirklich gut aushalten. Am 26.11. ging es dann schließlich wieder zurück nach Siem Reap. Der Aufenthalt sollte allerdings auch dort nicht so laufen wie geplant…
